Tabu
Ein Tabu ist ein rituelles oder kulturelles Verbot bestimmter Handlungen, Worte, Orte, Speisen oder Personen, die als heilig, gefährlich oder unrein gelten. Die Übertretung des Tabus bringt nach den Traditionen, die es festsetzen, schwere spirituelle oder körperliche Folgen mit sich.
Ursprung des Begriffs
"Tabu" stammt aus dem polynesischen tapu ("verboten, heilig") und wurde im 18. Jahrhundert von James Cook auf seinen Reisen in die Südsee in die europäische Sprache eingeführt. In den polynesischen Kulturen waren bestimmte Orte, Personen (Häuptlinge, Priester), Gegenstände (Köpfe, rituelle Werkzeuge), Tage oder Verhaltensweisen tapu: sie durften nicht ohne Risiko spirituellen Schadens berührt, angeschaut oder benannt werden.
Der Anthropologe Sir James Frazer in Der goldene Zweig (1890) und Sigmund Freud in Totem und Tabu (1913) erweiterten das Konzept auf alle menschlichen Kulturen. Jede Kultur hat ihre Tabus: Inzest (universal), Menstruationsblut (in vielen Kulturen), Tod und Leichname, bestimmte Tiere (Schwein im Judentum und Islam; Kuh im Hinduismus), bestimmte Worte (der verbotene göttliche Name in mehreren Traditionen).
Esoterisches Tabu
Im esoterischen Bereich wirken Tabus als rituelle Schutzmaßnahmen: X darf nicht ohne angemessenen Schutz angerufen werden, das Ritual Y wird nicht zum Zeitpunkt Z ausgeführt, der wahre Name der Gottheit wird nicht außerhalb des heiligen Kontextes ausgesprochen. Die hebräische Kabbala kennt das Tabu der Aussprache des Tetragrammatons (YHWH). Die schamanischen Traditionen kennen Tabus über die heiligen Pflanzen (zum Beispiel kein Ayahuasca ohne einen Curandero zu nehmen).
Über die religiös-esoterische Dimension hinaus sind die modernen kulturellen Tabus die nicht aussprechbaren Themen in einer Gesellschaft: Gegenstände, die kollektive Scham, informelle Zensur und gesellschaftliche Verurteilung hervorrufen. Jede Epoche hat ihre eigenen Tabus. Sie offen anzusprechen ist häufig der Motor des kulturellen Wandels.
Tabu und Respekt
In der verantwortungsvollen esoterischen Praxis ist es eine Frage der kulturellen Ethik, die Tabus der Traditionen zu respektieren, zu denen man Zugang sucht: nicht oberflächlich indigene schamanische Praktiken übernehmen, keine afrikanischen Rituale ohne angemessene Initiation ausführen, nicht banalisieren, was für eine andere Kultur heilig ist. Die Übertretung fremder Tabus mag keine "geistige Strafe" im wörtlichen Sinn nach sich ziehen, wohl aber symbolische Gewalt und Diskreditierung.
También conocido como
- Heiliges Verbot
- Tapu (polynesisch)
- Bann